Sanary-sur-mer – Die Geschichte der deutschen Intellektuellen im Exil

Sanary-sur-mer

Meine Tour durch Südfrankreich Mitte September hat mich in viele wunderbare Städte gebracht. Und endlich habe ich es auf dieser Reise mal in das hübsche und geschichtsträchtige Sanary-sur-mer geschafft.

Das erste Mal, als ich von Sanary gehört habe, war, als ich vor vielen Jahren „Das Buch von der Riviera“* von Erika und Klaus Mann gelesen habe.
Die Geschwister waren 1931 im Auftrag des Piper Verlags an der Côte d´Azur unterwegs, um ein Buch über ihren Besuch dort zu schreiben. Die beiden hatten dort noch eine unbeschwerte Zeit.
Kurz drauf begann die Nazi-Diktatur und viele deutsche und österreichische Schriftsteller wählten Sanary-sur-mer und die Umgebung als Exil, da sie in der Heimat nicht mehr arbeiten und leben konnten.

Mein Wunsch ist es, Sanary an Hand der Geschichte der emigrierten Schriftsteller zu entdecken. Aber erst mal heißt es für mich in Ruhe in Sanary anzukommen.

Der Hafen von Sanary-sur-mer

Den Tag hatte ich noch an der Küste von Bormes les Mimosas verbracht. Und so komme ich relativ spät in Sanary-sur-mer an. Nachdem ich meine Unterkunft für die nächsten zwei Nächte bezogen habe, mache ich mich direkt auf den Weg ins Stadtzentrum.

Das erste, was mir hier ins Auge fällt, ist der wunderschöne Hafen mit seinen bunten Booten. Was für ein tolles Motiv! Ich bin sofort glücklich mit der Entscheidung her gekommen zu sein. Wenn man mit so einem Panorama von einer Stadt empfangen wird, kann doch nichts mehr schief gehen. 🙂

Sanary-sur-mer

Es ist schon relativ spät und ich versuche, noch einen Tisch in dem mir empfohlenen Restaurant le Provençal zu ergattern. Glück gehabt! Ein Tisch ist noch frei.
Ich gönne mir ein köstliches Essen und werde wieder einmal daran erinnert, warum Urlaube in Südfrankreich so fantastisch sind. Neben den schönen Städten und der Landschaft ist die Küche einfach großartig.
Nach dem Hauptgericht, einem Entrecôte mit Pommes und Salat, runde ich die perfekte Ankunft mit einem Dessert ab. Himmlisch!

Sanary-sur-mer

Ich bin beseelt und fahre entspannt zurück in mein Hotel.

Deutsche und österreichische Emigranten in Sanary-sur-mer zwischen 1933 und 1945

Am nächsten Morgen bin ich gegen 10 Uhr wieder hier am Hafen und beginne meine Reise in die deutsche Geschichte.

Ich besorge mir in der Tourismusinformation einen Stadtplan und einen Flyer, in denen die Stationen der Schriftsteller im Exil und ein paar weitere Infos über Sanary zusammengestellt sind.
Vor dem Tourismusbüro befindet sich auch eine Gedenktafel, auf der die Künstler und Schriftsteller im Exil aus dieser Zeit aufgelistet sind. Ein mulmiges Gefühl zu sehen, welch hochkarätige Menschen da aus dem Land getrieben wurden.

Sanary-sur-mer

An der ersten Station, dem Place Cavet, setze ich mich erst mal auf eine Bank und lese den Flyer.

Zwischen 1933 und 1940 entstand in dem kleinen Fischerdorf Sanary-sur-Mer ein Treffpunkt berühmter Künstler und Schriftsteller. „Die Hauptstadt der deutschen Literatur“, wie der deutsche Philosoph und Schriftsteller Ludwig Marcuse leicht verbittert bemerkte.

In der Zeit von 1933 und Ende 1942 befanden sich über 500 Deutsche, Österreicher und weitere Flüchtlinge in Sanary, Bandol und Le Lavendou. Heinrich und Thomas Mann, Lionel Feuchtwanger, Stefan Zweig, Franz Werfel und Alma Mahler-Werfel, Berthold Brecht, für sie alle war Sanary-sur-mer ein Zuhause auf Zeit. Hier konnten sie für eine Weile ihrem Werk weiter nachgehen.

sanary-sur-mer

Wie verrückt das war, merkt man daran, dass der deutsche Verlagsleiter Fritz Landshoff im Sommer 1933 nach Sanary (!) fuhr, um neue deutschsprachige Autoren zu verpflichten.

Später wurde es dann aber auch in Frankreich für die Deutschen immer schwieriger. Da es dann hier ein Arbeitsverbot für Exilanten gab, konnten sie kein Geld mehr verdienen und lebten so zum Teil in extremer Armut. Die Entwicklungen zuhause in Deutschland waren sehr belastend, den Künstlern fehlten die erforderlichen Papiere, um einer Ausweisung zuvor zu kommen.
Ein Großteil flüchtete in die USA, andere waren so entmutigt, dass sie ihr Leben beendeten. Wieder andere konnten den Vernichtungslagern nicht entkommen. Eine furchtbare Zeit.

Für mich ist das hier eine merkwürdige Kombination: Die bezaubernde Schönheit der Stadt und dazu die traurige Geschichte der Menschen, die hier Zuflucht gesucht haben.
Und dabei denke ich an die bevorstehende Bundestagswahl in Deutschland und mir wird ganz mulmig… Zu Recht, wie wir heute wissen.

Dieses ambivalente Gefühl von großer Freude über die wunderschöne Stadt und andererseits der Erinnerung an die schwere Zeit der Künstler hier wird mich auf meiner Tour durch den Ort begleiten.
Natürlich hätte ich es mir leichter machen können und einfach eine „normale“ Stadtbesichtigung machen können. Dieser Teil der Geschichte drängt sich einem nicht auf, wenn man die Stadt besucht. Aber ich war neugierig und so hab ich mich für diese Variante entschieden.

Mein Weg durch die Stadt – Auf den Spuren der Schriftsteller

Ich mache mich also auf den Weg. Dabei schlender ich durch die Gassen und erfreue mich an der Schönheit der kleinen südfranzösischen Stadt.
Unterwegs finde ich immer mal wieder die Tafeln, auf denen kurze Infos über die Künstler zu finden sind, die hier im Exil lebten.

Es geht vorbei am Galli-Theater, das von dem ehemaligen Stummfilm-Schauspieler und späteren Pfarrer in Sanary, Georges Galli, gegründet wurde.

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Am Hafen vor der Kirche Saint Nazaire finde ich dann die Cafés, die den Künstlern damals als Ort für den wichtigen Austausch dienten. Die Cafés gibt es noch und auch heute sind die Tische alle besetzt.

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Welche Bedeutung die Cafés damals hatten, beschreibt ganz gut dieses Zitat von Hermann Kesten, dem ehemaligen Präsident der Schriftstellervereinigung PEN-Zentrum:

Im Exil wird das Café zu Haus und Heimat, Kirche und Parlament, Wüste und Walstatt, zur Wiege der Illusionen und zum Friedhof. Das Exil macht einsam und tötet. Freilich belebt es auch und erneuert. Im Exil wird das Café zum einzigen kontinuierlichen Ort. Ich saß in einem Dutzend Exilländern im Café, und es war immer dasselbe Café am Meer, zwischen den Bergen, in London, in Paris, an den Grachten von Amsterdam, zwischen den Klostern von Brügge. Ich saß im Kaffeehaus des Exils und schrieb. “

Hermann Kesten (Dichter im Café)

Obwohl ich gerade erst gestartet bin, muss ich am Hafen eine kurze Pause machen. Zu schön ist der Blick auf den Ort. Und ich kann meine Gedanken ein wenig treiben lassen. Wie muss es für die Menschen damals gewesen sein, dieses schwere Schicksal und die Sorgen zu tragen und andersrum in so einer schönen Kulisse mit dem sanften Klima zu leben?

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Das Tauchermuseum Frédéric Dumas

Ich laufe weiter und entdecke unterwegs das kleine Tauchermuseum „Musée Frédéric Dumas“, das mir empfohlen wurde.

Sanary-sur-mer

Dank der aufgemalten Taucherflossen auf der Strasse ist es leicht zu entdecken.

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Ich hatte eigentlich gar nicht vor hinein zu gehen, weil ich selbst nicht tauche. Aber ich stehe plötzlich davor, das Museum ist ganz klein und es kostet keinen Eintritt.
Also gehe ich rein und bleibe ein paar Minuten. Ich gucke mir an, mit welch abenteuerlichen Konstruktionen die Menschen sich früher in die See gestürzt haben. Verrückt!

Kreuzweg

Weiter geht es auf meinem Weg. Der wird mittlerweile zu einem Kreuzweg. Hier gibt es viele kleine Gebetshäuschen zu entdecken. Wunderschöne Häuser mit schönen Blumen stehen hier.

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Der Pfad verläuft nahe der Bucht von Sanary. Immer wieder habe ich fantastische Ausblicke auf`s Meer und den kleinen roten Leuchtturm. Hach, dieses Licht!

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Oben angekommen entdecke ich die kleine Kirche Chapelle Notre Dame de Pitié mit einer Marienfigur aus dem 17. Jahrhundert. Sie ist ansonsten eher bescheiden eingerichtet, aber wie alle Kirchen strahlt sie eine ungeheure Ruhe aus.

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Ob auch Thomas Mann damals hier gesessen und Frieden gesucht hat?

Das Haus von Thomas Mann

Ich laufe weiter, weil ich noch das Haus sehen möchte, in dem Thomas Mann gelebt hat. Dort angekommen lese ich auf der Tafel, dass das Original-Haus leider nicht mehr steht.

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Thomas Mann und seine Frau Katia wohnen vom 12. Juni bis zum 22. September 1933 in der Villa La Tranquille. 1935 und 1936 kommen sie als Besucher nach Sanary. Nach einigen Jahren in der Schweiz, wandern sie 1938 in die USA aus, kehren aber 1952 in die Schweiz zurück. Die Villa La Tranquille wurde 1944 abgerissen, um für deutsche Flak-Geschütze Platz zumachen, nach dem Krieg aber in ähnlicher Weise wieder aufgebaut.

Ich fühle dem nach, welche Sorgen die Menschen damals gehabt haben müssen. Und das, wo einige von ihnen doch wirklich priviligiert waren, hat es ihnen nur bedingt genutzt.
Ich finde diese Gedanken in unserer heutigen Zeit aus vielerlei Hinsicht wieder aktueller denn je.

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So langsam laufe ich zurück ins Stadtzentrum und bewundere die schönen Blumen, die hier wachsen.

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Mistral

Mittlerweile wird der Wind immer stärker. Für heute und morgen ist Mistral angesagt. Ich freu mich ja immer über solche Wetterereignisse. Dann lerne ich jetzt auch endlich mal den Mistral kennen.
Er bläst ganz ordentlich, was aber bei Temperaturen von um die 24 Grad mit Sonne ganz gut auszuhalten ist.

Die Surfer scheinen auf jeden Fall Spaß an der Herausforderung zu haben.

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Ausklang in Sanary-sur-mer

Für einen guten Abschluss gönne ich mir noch einen leckeren Crêpe in der Crêperie au Roy d´ Ys.

Ich sitze gemütlich unter dem Vordach, während im Hafen der Mistral die kleinen Boote durchschüttelt. Irgendwie passt das zu den stürmischen Zeiten der Intelllektuellen, die ich in den letzten Stunden erkundet habe.

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Dieser Stadtrundgang war ein ganz besonderer. Ich werde meinen Gedanken an diese schlimme Zeit noch eine ganze Weile nachhängen. Und dabei bin ich zutiefst beeindruckt von der Schönheit des kleinen Ortes.

Für mich geht es am nächsten Tag weiter nach Aix-en-Provence. Adieu, Sanary, ich werde bestimmt noch einmal wieder kommen!

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Weitere Informationen zu den Intellektuellen im Exil in Sanary

Wenn Du mehr über die Schriftsteller und Künstler und die Zeit damals in Sanary erfahren möchtest, kannst Du darüber in einem Dossier nachlesen. Du findest es etwas versteckt auf dieser Seite. (Runterblättern bis „EXPOSITION „EXIL IM PARADISE“ EN/DE/HE“, da ist es das mittlere Dokument.)

Offenlegung

Meine Reise wurde unterstützt von Atout France, der Französischen Tourismuszentrale, und dem Tourismusverband Var. Dafür vielen herzlichen Dank!
Meinen Aufenthalt in Sanary, den Flug und den Mietwagen habe ich selbst finanziert. Ein Honorar habe ich nicht erhalten.

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3 Kommentare

  1. Pingback: Ein Tag am Meer - Besuch des Fort de Brégançon und ein Strandspaziergang - flowers-and-candies.de

    • Vielen lieben Dank, Franz-Josef! Mir geht es auch immer so, wenn einer von Euch da unten unterwegs ist. So ist das quasi die eigene Reise noch schöner, weil alle was davon haben. 🙂

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