Stell Dir vor, Du wärst gut genug

Barcelona

Die folgenden Gedanken kennst Du bestimmt: Ich könnte hübscher sein, dünner, besser trainiert, schlauer oder was auch immer sein.
Das Leben wäre gut, wenn ich erst XY erreicht habe. Jetzt ist es noch nicht gut genug. Es gilt erst noch dieses oder jenes zu schaffen.

Unser Selbstoptimierungswahn

Immer wieder kritisieren wir uns, treiben uns zu Höchstleistungen an. Auch, wenn wir eigentlich schon k.o. sind, muss der nächste Schritt noch gemacht werden.
Wir optimieren uns immer weiter. Leistung und Perfektion stehen auf dem Plan. In allen Lebensbereichen wollen wir ideale Ergebnisse abliefern und keine Kritikpunkte bieten.

Parallel dazu gönnen wir uns nichts. Alles, was wir tun, muss einem äußeren Zweck dienen. Alles, was wir machen, muss sich lohnen.

Wir machen nicht Sport, weil wir uns dabei glücklich fühlen, weil wir dann die Dynamik unseres Körpers spüren, weil wir Bock haben, uns körperlich zu verausgaben.
Wir verfolgen einen Zweck. Der Körper muss hinterher schöner und schlanker sein.
Das nächste Kilo muss unbedingt abgenommen werden und beim Sport darf es nicht nur ein normales, gutes Training sein. Nein, ein Marathon sollte schon drin sein.

Wir essen so, dass wir möglichst schlank bleiben oder besonders gesunde Sachen zu uns nehmen. Für Genuss ist dabei oft kein Raum.

Junge Frauen stehen Stunden vor dem Spiegel, um ihr schönes, faltenloses Gesicht mit falschen Wimpern, Cremes und Gedöns perfekt zu schminken. Es geht nicht mehr um die Freude daran, sich mit Wertschätzung selber ein wenig hübsch zu machen, sondern darum, perfekt auszusehen.

Im Job rennen wir den Idealen unserer Gesellschaft nach, wollen Karriere machen. Es gibt eine Idee davon, dass die nächste Beförderung uns zu mehr Zufriedenheit bringt, dass es dann endlich gut wird.
Und eigentlich strengen wir uns so sehr an, gehen immer wieder über unsere Grenzen, sowohl was die eigene Energie als auch die persönlichen Befindlichkeiten angeht.
Wir bleiben in Unternehmen, die uns überhaupt nicht gut tun, weil wir glauben, dass es so läuft im Leben. „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“.
Der Job hat oft nichts mehr damit zu tun, etwas Sinnvolles zu tun und neue, spannende Dinge zu lernen. Es geht nur noch um das „Mehr, mehr, mehr“.

Wir besitzen so viel und sind doch nie zufrieden. Auch wenn wir ein größeres Auto kaufen oder die teure Handtasche, wird unser Leben dadurch nicht reicher.
Wir leben in einem der reichsten Länder der Erde, haben ein Dach über dem Kopf, Zugang zu sauberem Trinkwasser und Essen. Und trotzdem sind wir nicht glücklich. Weil wir glauben, noch nicht gut genug zu sein, dass es noch besser geht.

Einbahnstraße

Wir bekommen gar nicht mehr mit, was wir selber eigentlich wollen, weil wir uns so auf das konzentrieren, was andere von uns erwarten. Wir haben uns ungefiltert zumüllen lassen mit den Bildern, die uns die Werbung und die Gesellschaft so verkauft.

Wann sind wir gut genug? Muss immer alles perfekt sein?

Vergiss nicht: Wir haben nur eine begrenzte Anzahl von Tagen zu Verfügung. Und einen großen Teil davon verbringen wir damit, uns weiter zu optimieren. Was für eine Verschwendung! Irgendwann sind wir alt und klapprig und wünschen uns, wir hätten die guten und gesunden Tage zufriedener gelebt.

Wir vergleichen uns ständig. Bei niemandem aber ist alles perfekt. Das sehen wir nur nicht, weil wir uns nicht mit einer Person vergleichen, sondern mit allen. Bei jedem picken wir uns das raus, was an ihm besonders toll ist.
Der eine hat den Traumjob und ist erfolgreich. Dafür hat er aber eine chronische Krankheit, die ihm dauerhaft Probleme macht. Deine Nachbarin hat vielleicht die Traumfigur, aber dafür hat sie immer Pech in Beziehungen.
Die schlechten Dinge sehen wir aber bei anderen nicht. Wir bauen uns eine Idealperson aus allen guten Eigenschafte der Menschen, die uns umgeben.

Wir vergleichen uns viel zu viel und fühlen uns dann minderwertig, weil wir nicht perfekt sind. Dieser Perfektionismus macht so viel kaputt. Anstatt dankbar zu sein, dass wir einen kompletten, funktionsfähigen Körper haben, verlangen wir ihm so viel ab und sind oft so ungerecht zu ihm.

Wie wäre es mal damit, die Sichtweise zu verändern?

Unser Leben doch oft schon ziemlich in Ordnung. Nicht perfekt. Aber vieles ist doch sicher schon ganz gut, oder?

Schau, was an Deinem Körper, an Deinem Leben schön und gut ist. Und damit meine ich nicht, was perfekt ist, sondern, was in Ordnung ist.
Auf Schulnoten übertragen: Eine gute Drei reicht, es muss nicht immer die Eins mit Sternchen sein.

Ja, der Job könnte idealer sein. Aber immerhin hast Du einen.
Du hast 10 Kilo zu viel auf den Hüften. Aber Dein Körper funktioniert gut und macht Dir vieles möglich.
Deine Fingernägel sind nicht perfekt manikürt. Aber dafür nutzt Du die Zeit, die Du sonst für die Maniküre aufgewendet hättest, zum Schmusen mit Deinen Kindern. Oder mit dem Hund. Oder einfach nur, um zur Ruhe zu kommen. Das hat doch auch was, oder?

Stell Dir vor, Du wärst so gut, wie Du bist

Wir machen mal ein Gedankenspiel:

Stell Dir vor, Du wärst jetzt schon gut genug. Dir würde nun jemand die Absolution erteilen, dass Du genau so gut bist, wie Du bist. Dass alles reicht und Du nichts mehr optimieren musst. Dass Du Dein Leben heute schon geniessen darfst und nicht erst noch irgendwas verbessern musst.

Beruflich bist Du da, wo Du bist, schon ganz richtig.
Du besitzt genau das, was Du benötigst.
Du hast genau das passende Gewicht für Dich.
Dein Hintern ist genau richtig wie er ist.

Setz Dich mal ungestört hin, mach die Augen zu und stell Dir vor, Du wärst absolut perfekt, so wie Du jetzt bist. Eine Autorität würde Dir sagen, dass das neue Schönheits- und Lebensideal genau an Deiner Person ausgerichtet wurde. Es gibt nichts, was verbessert werden muss. Du darfst glücklich sein, so wie Du jetzt bist. Keine Anstrengungen mehr, kein Optimieren und kein „Da geht noch was“.
Alles ist gut. Du hast alles erreicht, was Du brauchst.

Ich meine, wer entscheidet, nach welcher Autorität Du Dich mit Deinen Ansprüchen an Dich selbst richtest? Es muss doch nicht die sein, die Dir sagt, dass Du nicht okay bist. Nimm doch lieber die, die Dich prima findet. Du bist der Chef im Haus. Also entscheide selbst, wen Du rein lässt und wen nicht. Dein Leben, Deine Regeln.

Stell Dir vor, Du würdest die Energie die Du bis jetzt in die Perfektionierung Deiner Person investiert hast, darein stecken, dass Du Dir was Gutes tust. Und ich meine damit etwas, wonach Dein Innerstes wirklich lechzt.
Wäre das nicht eine schöne Vorstellung?

Wie, keine Ziele mehr?

Jetzt denkst Du vielleicht, dass das so auch langweilig wäre. Keine Ziele mehr zu haben. Nichts, worauf man hinarbeitet. Nichts mehr lernen müssen, sich nicht weiterentwickeln.
Ja, das stimmt. Das wäre schade. Und langweilig. Aber das meine ich gar nicht.

Du kannst Dir nach wie vor Ziele setzen. Aber Ziele, die Du für DICH setzt. Weil sie Dir Freude bringen. Weil sie Dich glücklich machen. Und das aus einer Haltung heraus, dass schon alles gut ist, wie es ist.
Wie ein super Eisbecher, auf den man mit einem Klecks Sahne noch das i-Tüpfelchen auftut.
Du und Dein Leben, Ihr seid schon perfekt. Vielleicht zu 75, vielleicht aber auch zu 95%. Natürlich geht es immer besser. Aber: Es ist schon jetzt gut genug.

Was meinst Du?

Wie findest Du die Vorstellung? Was macht so ein Gedanke mit Dir? Kannst Du Dir vorstellen, schon gut genug zu sein? Oder ist das bei Dir bereits so?

Ich würde mich freuen, wenn Du mir einen Kommentar mit Deinen Gedanken dazu hinterlässt. Denn ich finde, es ist ein schwieriges und wichtiges Thema. Insofern freu ich mich über deine Meinung!

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12 Kommentare

  1. Hallo Maike,
    ich habe gerade mit Interesse deinen Artikel gelesen, da ich mich schon seit längerem mit dem Thema „persönliches Glück“ etc. beschäftige. Und genau wie Du bin auch ich der Meinung, dass dieser ganze Selbstoptimierungswahn eigentlich nur den Entwicklern von Apps, Trainingsgeräten und Kochbüchern nützt.
    Glücklicherweise (Hahaha!) gibt es seit einiger Zeit einen eigenen Zweig innerhalb der Psychologie, der sich mit diesem Thema wissenschaftlich beschäftigt und den Namen „Positive Psychologie“ trägt. Bei Wikipedia gibt es hierzu eine brauchbare Kurzbeschreibung. Führend auf diesem Gebiet ist der amerikanische Psychologe Martin Seligman, der hierüber auch mehrere populärwissenschaftliche Bücher veröffentlicht hat – und das alles empirisch unterlegt, also ohne esoterischen Hokuspokus etc.
    Wenn man versucht, die Techniken anzuwenden, die von den Fachleuten entwickelt worden sind, stellt man sehr schnell eine Steigerung seines eigenen Wohlbefindens fest, gerade auch im persönlichen Kontakt mit anderen Menschen, aber auch in der eigenen Wahrnehmung seiner selbst. Dies alles dürfte auf jeden Fall fundierter sein und schneller mehr bringen als jeder Besuch im Fitnessstudio, um den eigenen Körper zu „optimieren.“

    Ich hoffe, Du und deine Leser können mit meinen Hinweisen etwas anfangen….

    Ein schönes Wochenenden noch

    LG Ingo

    • Hallo Ingo,
      ja, das Thema Positive Psychologie finde ich auch spannend. Ich hab hier auch noch ein paar Bücher dazu auf meinem Stapel liegen, die noch gelesen werden wollen. Aber Seligman ist nicht dabei. Das werde ich dann mal ändern. Danke für den Tipp!
      Ich bin auch davon überzeugt, dass wir selber dafür verantwortlich sind, wie wir Dinge erleben. Natürlich hat das auch Grenzen, aber ich würd mal sagen, dass man da immer noch was dazu lernen kann.
      Liebe Grüße und Dir auch noch einen schönen Sonntag!

  2. Iris Hüttemann

    Hallo Maike,
    Du hast ja sooo Recht! Wir peitschen uns immer weiter, weiter, weiter … ohne Rücksicht auf uns und unseren Körper. Erst wenn wir ausgebremst werden, durch Jobverlust oder Krankheit, kommen wir zu Sinnen – oder wissen gar nicht mehr, wie richtig leben eigentlich geht … und sitzen da und das Nichtstun (-können) verunsichert uns und macht uns ein schlechtes Gewissen, weil wir nicht mehr funktionieren wie wir meinen es zu müssen.
    Danke für Deinen tollen und sehr gefühlvollen Beitrag. Danke, dass Du mir das alles wieder bewusst gemacht hast.
    Liebe Grüße
    Iris

    • Hallo Iris,
      das freut mich, dass Dir mein Artikel gefällt! Ja, ich finde, man muss sich das zwischendurch wieder bewußt machen. Ich vergesse das selbst manchmal auch. Dann ist es immer gut, wenn man das mal aufgeschrieben hat und in ein paar Monaten wieder drüber stolpert. 🙂
      Und richtig: Wenn man dann krank wird, wird es erst richtig schwierig. Insofern sind wir doch einfach ein bißchen zufrieden mit uns selbst. 🙂
      Lass es Dir gut gehen!
      Liebe Grüße!
      Maike

  3. Liebe Maike,

    Du sprichst mir aus der Seele, mit dem was du da schreibst. Besonders, nachdem ich gesehen habe, wie und unter welchen Umständen Menschen überall auf der Welt leben, kommt mir unser Perfektionswahn lächerlich vor. Dennoch muss ich immer wieder aufpassen, nicht in die Falle zu tappen. Der Feind der eigenen Zufriedenheit ist der Vergleich, und davon werden uns ja ununterbrochen welche vorgesetzt.
    Letztendlich sage ich mir immer wieder, dass andere mich entweder mögen oder nicht, unabhängig davon, ob ich perfekt geschminkt bin oder superkluge Sätze von mir gebe.

    Liebe Grüße
    Gina

    • Liebe Gina,
      genauso ist es. Aber ich weiß, was Du meinst. Wenn ich im Urlaub bin, denke ich ganz oft, wie gut es uns hier geht. Man muss sich wirklich in Acht nehmen, dass man sich in diesen Perfektionswhn nicht reingezogen wird…
      Liebe Grüße!
      Maike

  4. Danke, sehr schöner Artikel! Dieser ganze Selbstoptimierungswahn geht mir schon lange auf die Nerven. Ich glaube, dass er vor allem uns Frauen unterm Strich nicht besser, sondern schwächer macht.
    Dieses ewige Vergleichen und Bewerten ist des Glückes Tod.
    Zitat: „Wir müssen einzigartig sein – eben alles, außer gewöhnlich! Denn wer sich ständig mit anderen vergleicht, wird vor allem eines: gleicher.“
    Anja Förster & Peter Kreuz

    • Hallo Doro,
      schön, dass Dir der Artikel gefällt! Ich seh das genau wie Du. Das Leben wird nicht besser durch das ständige Vergleichen und Optimieren. Ich finde, wir machen es uns oft so unnötig schwer… 🙂
      Liebe Grüße!
      Maike

  5. Liebe Maike,

    vielen Dank für den Artikel und das schöne Gedankenspiel mit der Vorstellung.

    Das ständige Vergleichen kostet Kraft und Energie. Zudem schickt es unseren Selbstwert in den Keller und es bringt uns nichts. Daraus resultieren weder Motivation noch erfolgsversprechende Ideen. Die Vorstellung der eigenen „Vollständigkeit“ bietet einen kurzen Blick hinter den Vorhang. Man gewinnt einen flüchtigen Eindruck, welche Kraft dort auf Eis liegt und nicht genutzt werden kann.
    Dieser Einblick ist gut nutzbar, um aus dieser Schleife auszusteigen – zumindest hin und wieder.

    Ich wünsche uns allen diesen Einblick, für ein buntes und genussvolle Leben.

    Liebe Grüße
    Helga

    • Liebe Helga,

      oh ja, da hast Du völlig Recht! Die Energie, die wir verpulvern, wenn wir ständig an uns rumkritteln, ist tatsächlich anders besser aufgehoben.

      Liebe Grüße!

      Maike

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